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Middle East, Teil 2

Middle East, Teil 2 – Wüste schnuppern

Nach zwei Tagen in Amman mache ich mich auf in den Süden Jordaniens, um von dort nach Ägypten überzusetzen. Bei dem Beduinendorf Wadi Rum mache ich dabei meine erste Wüstenerfahrung, die mir eine nachhaltige Lehre sein wird…

12.10.15, Amman – Khirbat al Qasr, 111 Kilometer
13.10.15, Khirbat al Qasr – Al Tfile, 62 Kilometer
14.10.15, Al Tafile – Petra, 94 Kilometer
15.10.15, Petra – Wadi Rum, 100 Kilometer
16.10.16, Wadi Rum – Aqaba, 55 Kilometer

Wo sind die Jordanier?

In Amman will ich mir bei der Botschaft das Visum für Ägypten besorgen. Ich komme Freitags an, die Botschaft hat geschlossen, ich muss bis Sonntag warten. Da ich mir ohnehin die Stadt anschauen wollte, habe ich genug zu tun bis dahin. An der al-Husseini-Moschee mit ihren zwei unterschiedlich gestalteten Minaretten vorbei, laufe ich die King-Talal-Street entlang, eine belebte Einkaufsstraße mit vielen Klamottenläden, Lebensmittelgeschäften und sonstigen Shops für den Alltagsbedarf. Zu diesem Alltagsbedarf gehören hier natürlich auch die Shishas, die in bunten Farben zu dutzenden in langen Regalen aufgereiht auf ihre zukünftigen Besitzer warten. Biegt man von der großen Straße nach Osten in eine der winzigen Gässchen ab landet man unmittelbar auf dem „Souq“, dem zentralen Markt und Basar. Hier herrscht ein buntes Treiben, Obst stapelt sich prächtig leuchtend auf den Auslagen, Gewürze in großen Säcken verbreiten einen herrliches Duftgemisch aus Curry, Zimt und Karadmom, die Verkäufer preisen um die Wette schreiend ihre Waren an. Erdnüsse, Mandeln und Nussmischungen werden in sich drehenden Trommeln frisch geröstet. An Ramsch-Ständen mit Plastikspielzeug und Ray-Ban-Imitaten hängen bis zum Anschlag aufgedrehte Lautsprecher, die ununterbrochen die besten Angebote hinausplärren. Als europäischer Tourist fällt man hier sofort auf, aber die Verkäufer sind freundlich und zurückhaltend. Oft werde ich nett angesprochen, nie aber penetrant dazu genötigt, mir den garantiert besten und nur heute extra für mich bis zur Schmerzgrenze reduzierten Preis für irgendeinen Firlefanz anbieten zu lassen. Eher eine nette, kurze Einladung, sich die Waren anzuschauen, und auch hier immer wieder: „Welcome to Jordan!“ Mit einigen der Verkäufer komme ich so ins Gespräch, viele sind syrische Flüchtlinge, die hier einen Job gefunden haben. Auch z.B. auf den Baustellen, als Gärtner oder Reinigungskräfte arbeiten viele Syrer, Palästinenser, Iraker, Ägypter. Und Ich frage mich: Wo sind denn eigentlich die Jordanier?

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Villen und Baracken

Am sehr gut erhaltenen römischen Theater vorbei erklimme ich den Zitadellenhügel. Erste Besiedlungsspuren gehen bis in die Bronzezeit zurück, was sich allerdings, nachdem die Römer hier alles platt gemacht hatten, nur anhand einiger weniger archäologischer Funde am Hang des Hügels rekonstruieren ließ. Heute sind auf dem Zitadellenhügel u.a. noch die Überreste des römischen Herkulestempels, einer byzantinischen Kirche aus dem 6./7. Jahrhundert und eines Palastkomplexes der Omaijadenherrscher aus dem 8. Jahrhundert zu sehen. Einzigartig ist auch der Blick über Amman, den man von hier aus hat. Mittlerweile breitet sich die Stadt mit ihrer zumindest aus der Entfernung immer gleich wirkenden Kulisse aus sandfarbenen, kubischen Gebäuden über 19 Hügel aus.

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Am Sonntag mache ich mich zu Fuß auf zur ägyptischen Botschaft. Ich irre lange durch das Botschaftsviertel, die auf Google Maps verzeichnete Adresse scheint komplett falsch zu sein. Die anderen Botschaften werden durch Pickups mit Maschinengewehren bewacht, die schwer bewaffneten Soldaten sprechen durchweg kein Englisch und können mir nicht helfen. Ein Taxifahrer weist mir schließlich den Weg. Ich bin tatsächlich völlig falsch und laufe noch einmal fast eine geschlagene Stunde, bis ich endlich an der Botschaft ankomme. Auf dem Weg durchquere ich ein Villenviertel, was ich mir ohnehin anschauen wollte. Also keine verlorene Zeit. Ich mag Gegensätze, sie machen eine Stadt lebendig und interessant, regen aber auch zum Nachdenken an. Im Vergleich zu den heruntergekommenen und vermüllten Vierteln, die ich später noch durchwandere herrscht hier der Überfluss. In jeder Einfahrt oder Garage mindestens zwei Autos, Audi Q7 neben S-Klasse. Vor fast jeder Villa ein Häuschen mit eigenem bewaffneten Wachmann.

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Wasser, ein knappes Gut

Am nächsten Tag breche ich wieder auf, immer weiter Richtung Süden. Von Amman geht es nun erst einmal kontinuierlich bergab, bis zum Toten Meer. Mit jedem Höhenmeter weniger steigt die Temperatur merklich. Am tiefsten Punkt der Erde angekommen, 400 Meter unter dem Meeresspiegel, ist es auch jetzt im Oktober noch unerträglich heiß. Das Thermometer meines Smartphones steht auf Anschlag, die Skala hört bei 40 Grad auf. Der Jordan, der hier ins Tote Meer mündet, wird für die Wasserversorgung der regenarmen Gebiete Jordaniens aber auch der Westbank in Israel angezapft. Mitten in der Wüste wird hier entlang des Jordan Landwirtschaft betrieben, die eine riesige Menge Wasser verschlingt. In den Städten, vor allem auch in Amman, sorgen marode Wasserleitungssysteme dafür, dass geschätzt bis zu 25% des Wassers einfach ungenutzt irgendwo versickern. Das, was dabei vom Jordan noch übrig bleibt, ist wirklich nur noch als trübes, klägliches Rinnsal zu bezeichnen. Der Wasserstand des Toten Meeres nimmt deshalb auch dramatisch ab und ist in den vergangenen 30 Jahren um rund 25 Meter gefallen. Die entlang des südlichen Ufers mäandernden, mehrschichtigen Salz-Ablagerungen zeugen davon. Es gibt vereinzelte viel versprechende Ansätze, durch die einfache Filterung von gering verschmutztem Brauchwasser aus Duschen und Waschbecken und die anschließende Wiederverwendung für Toilettenspülungen und Gartenbewässerung den Wasserverbrauch z.B. von Hotelanlagen um bis zu 70% zu senken, aber die vergleichsweise hohen Investitionskosten für die doppelte Leitungsführung werden häufig gescheut, subventioniert wird nur unzureichend.

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Malik

Nachdem ich das Tote Meer hinter mir gelassen habe, kämpfe ich mich wieder in die Berge hoch, Richtung Petra. Ein weiteres Mal schaffen mich die steilen Anstiege und die Hitze, der Ausblick über die unwirtliche, karge Berglandschaft ist dennoch immer wieder beeindruckend. Ich lande in der Abenddämmerung in einem kleinen Dorf, frage bei einem Haus, das an einem kleinen Acker mit Gewächshäusern steht, ob ich dort mein Zelt aufschlagen dürfe. Klar, ich darf. Während ich gerade das Zelt aufbaue, eilt über das brach liegende Feld ein gepflegt gekleideter Herr im langen, grauen Kaftan herbei. Er ist anderer Meinung was den Zeltplatz angeht. Ich müsse auf keinen Fall hier auf dem offenen Feld übernachten, wo mich die ganze Zeit neugierige Kinder umringen und mein Fahrrad befingern. Ich solle doch bitte mein Zelt bei ihm im Garten aufstellen, duschen könne ich auch, und meine Klamotten waschen. Ich bin sehr dankbar für das Angebot, denn so gern ich auch den Kids mein Fahrrad und meine Ausrüstung zeige – ich bin totmüde und will eigentlich nur schlafen, aber die Jungs machen keine Anstalten mich in Ruhe zu lassen. Also packe ich meinen Kram und folge Malik zu seinem Haus. Er ist 35, Lehrer, und scheint mit diesem Job und dem damit verbundenen Einkommen deutlich über dem Dorfdurchschnitt zu liegen. Von außen sieht sein Haus zwar ähnlich unfertig und windschief aus, wie der Rest der Häuser hier, aber drinnen erwartet mich ein kleiner orientalischer Palast mit bunt gestrichenen Wänden, dicken Teppichen und gemütlichen Polstermöbeln. Und wie bereits schon so oft in Jordanien kennt die Gastfreundschaft keine Grenzen. Ich werde versorgt mit Datteln, Obst, Kuchen, gebratenem Fisch, Nudelsuppe, Süßigkeiten, Tee. Ich haue ordentlich rein, erstens kann ich’s gebrauchen, zweitens muss man ja auch zeigen dass es schmeckt. Am Ende bin ich kurz vorm Platzen. Am nächsten Morgen wird mir noch mal Kuchen und Tee serviert. Nach Petra sind es noch fast 100 Kilometer, zum Großteil immer noch bergauf. „Du brauchst den Zucker!“, sagt Malik. Oh ja, wie Recht er doch hat.

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Gute Pisten, schlechte Pisten

In Petra besichtige ich die Felsenstadt der Nabatäer, die ab dem 5. Jahrhundert vor Christus für beinahe acht Jahrhunderte ein wichtiger Handelspunkt auf der Weihrauchstraße vom Jemen nach Damaskus und Gaza war. Absolut beeindruckend sind die riesigen, direkt aus dem Fels gemeißelten Tempel- und Grabfassaden.

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Von Petra aus weiter nach Aqaba schaffe ich es nicht in einer Tagesetappe, also überlege ich mir einen kleinen Abstecher nach Wadi Rum zu machen. Das Beduinendorf liegt ca. 25 Kilometer abseits der Wüstenautobahn, die von Amman nach Aqaba führt. Also ein vertretbarer Umweg. Von der Autobahn führt eine befestigte Straße bis zum Dorf, danach ist nur noch Wüste. Die Beduinen bieten hier Wüstentouren mit dem Jeep oder zu Fuß an. Ich will mich nur ein bisschen auf eigene Faust umsehen und dann wieder zurück zur Hauptstraße nach Aqaba. Also schlage die nebenbei völlig überteuerten Angebote aus. Aber die schlitzohrigen Beduinen lassen nicht locker, und sie wissen schon, wie sich mich kriegen. „Etwa 10 Kilometer von hier gibt es einen gute, feste Piste durch die Wüste, die dann wieder auf einer befestigten Straße Richtung Aqaba endet. Das kannst du super mit dem Fahrrad machen. Wir können dich da hinbringen.“ Hmm, klingt gut. Ein bisschen Wüste schnuppern, warum nicht. Ich will Details wissen: „Was genau ist das für eine Piste? Ist das Sand? Wie weit ist es von da, wo ihr mich absetzt, bis zur Straße?“ „Nein nein, kein Sand, eine gute Piste, kein Problem mit dem Fahrrad“, beteuert der Guide, „vielleicht musst du ein Stück ein bisschen schieben, aber nur ein- oder zweihundert Meter mehr nicht.“ Ich hake noch ein paar Mal nach, überprüfe seine Entfernungsangabe – etwa 35 Kilometer – auf meiner Karte. Sie stimmt in etwa. Ich will sicher gehen, dass ich mich hier nicht in Gefahr begebe. Gut, selbst wenn ich nicht, wie er sagt, 200 Meter sondern 2 oder 3 Kilometer schieben muss, ist es machbar, denke ich. Und nachdem ich ihn von unverschämten 20 auf für ihn immer noch lukrative 5 Dinar für den Transport mit dem Pickup runtergehandelt habe, schlage ich ein. Ich werde es noch bereuen.

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Wir schmeißen mein Fahrrad und das Gepäck auf die Ladefläche, routiniert steuert der Kerl den Pickup über die Piste, der Wagen schwimmt regelrecht auf dem tiefen Sand, manchmal dreht er das Lenkrad und die Kiste schlittert trotzdem weiter geradeaus wie auf Glatteis, um dann einen Moment später wieder Grip zu bekommen und einen Satz zurück in die vorgegebene Richtung zu machen. Nach etwa einer Viertelstunde sind wir „da“. Was auch immer das heißt. Wir steigen aus, er zeigt mir die Piste, die von hier weiter führt. Macht tatsächlich einen vernünftigen Eindruck. Ein bisschen sandig schon, aber fest, mit ein bisschen feinem Schotter. Fahrbar auf den ersten Blick.
Wir verabschieden uns, der Beduine dreht um und prescht zurück Richtung Dorf. Da stehe ich nun, mutterseelen-allein, mitten in der Wüste. Na dann, auf geht’s. Die ersten drei bis vier Kilometer gehen gut, die nächsten zwei auch noch einigermaßen, dann fängt die Piste plötzlich an wieder sandig zu werden. Das schwer bepackte Rad sinkt sofort ein, keine Chance, schieben ist angesagt. Na ok, denke ich, das ist jetzt wahrscheinlich das Stück, wovon er vorher gesprochen hatte. Irgendwann geht’s auch wieder, ich kann ein Stück fahren. Dann wieder Sand. Das geht eine ganze Weile so hin und her und so langsam dämmert es mir, dass die Informationen meines Beduinen-Kumpels wohl nicht ganz so verlässlich waren. Das Schieben ist sau anstrengend, keine Ahnung wie lang ich das durchhalte, und weit bin ich noch nicht gekommen.

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Ich überlege ob ich das Rad stehen lasse und zurück laufe. Aber nein, bestimmt wird die Piste gleich besser. Wird sie nicht. Im Gegenteil. Mittlerweile wate ich nur noch durch richtig tiefen Sand, das Rad ziehe und zerre ich mehr hinter mir her, als dass ich es wirklich schieben kann. Teilweise sinkt es so tief in den Sand ein, dass die vorderen Taschen am Lowrider schon aufsetzen. Was das Ganze nicht gerade einfacher macht. Der Typ hat mir hier tatsächlich einen Bären aufgebunden, nur um mir die 5 Dinar für die Pickup Fahrt abknöpfen zu können. Ich verfluche den Mistkerl, brülle meinen Ärger in die Wüste. Das interessiert nur niemanden, der Schrei wird einfach von der Einöde verschluckt, noch nicht einmal von den entfernten Felsformationen kommt ein bestätigendes Echo zurück.
Ich überprüfe meine Position und die Entfernung bis zur Straße. 20 Kilometer noch. Im schlimmsten Fall 20 Kilometer schieben. Ich habe noch 6 Liter Wasser, das kann ich schaffen. Die Wut verleiht mir ungeahnte Kräfte, ich fluche ununterbrochen und zerre die schwere Fuhre an Lenker und Sattelstütze über die vermaledeite Piste, ohne Rücksicht auf das Material. Immer wieder reißen die Taschen vorne ab, weil sie in hohen Sandverwehungen hängen bleiben. Ich muss stehen bleiben und die Taschen wieder einhängen. Den Ständer vom Fahrrad muss ich dabei nicht benutzen, ich kann es einfach loslassen, denn es steckt sowieso so tief im Sand, dass es von alleine steht.

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Lange hält diese Energie aber nicht, ich bin irgendwann so erschöpft, dass ich alle 50 Meter stehen bleiben und verschnaufen muss. Die Sonne brennt unerbittlich, und obwohl ich regelmäßig kleine Schlucke trinke ist mein Mund staubtrocken und meine Lippen schon spröde. Ich lasse mich in den Sand fallen, ich kann nicht mehr, will nicht mehr. Aber dann kommt wieder die Wut, und die hilft. Am liebsten würde ich einen dicken Knüppel nehmen und irgendwas kaputt dreschen, aber ich muss mich ein bisschen zusammen reißen, denn schließlich kann das irgendwas auch nichts dafür, und außerdem finde ich hier gerade auch keinen adäquaten Knüppel. Ein paar imposante Felsbrocken würden sich mir durchaus bereitwillig für das Ausleben sinnloser Zerstörungswut zur Verfügung stellen, aber das ist mir dann doch wieder ein bisschen zu martialisch. Also belasse ich es vorerst dabei, meine Aggressivität in Schubkraft umzuwandeln, das ist ohnehin das Einzige, was mich gerade weiter bringt. So kämpfe ich mich weiter durch die lebensfeindliche Umgebung. Eigentlich ist es wunderschön hier, aber ich kann es nicht genießen, ich muss weiter, sonst wird es gefährlich. Immer wieder checke ich meine Position, ich komme nur im absoluten Schneckentempo voran.

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Irgendwann, ich bin mittlerweile fast sechs Stunden unterwegs und habe immer noch 10 Kilometer bis zur befestigten Straße vor mir, registriere ich hinter mir in einiger Entfernung eine Staubwolke. Sofort lasse ich das Rad los, reiße mir das T-Shirt vom Leib und schwenke es in der Luft. Roter Sand, rotes T-Shirt. Ganz toll. Aber der Fahrer des Pickups, der sich da nähert hat mich trotzdem schon gesehen und steuert auf mich zu. Ein Beduine, wer weiß woher, jedenfalls nicht aus dem Dorf, da sprachen alle Englisch, der hier rafft nix. Immer wieder versuche ich ihm klarzumachen, dass wir bitte mein Rad auf seinen Pickup schmeißen und er mich bis zur Straße mitnehmen soll. Er fährt ja eh in die Richtung. Aber er quasselt mich auf arabisch zu, zeigt in alle möglichen Richtungen, sagt „Aqaba, Aqaba!“. Langsam werde ich ungeduldig, und in meiner Situation ist es mir auch gerade scheißegal, ob der Typ da besonders große Lust hat, mich mitzunehmen oder nicht, ich bin jetzt mal egoistisch. „Junge, ich frag dich hier gerade nicht nach dem Weg, wir nehmen jetzt das da“, ich zeige auf mein Rad, „und packen es hier drauf!“ und klopfe auf die Ladefläche. „Aqaba, genau.“ Ok, jetzt hat er kapiert, das Rad auf den Pickup, und los geht der zweite Teil des Höllentrips. Der Typ brettert über die wellige, verschlungene Sandpiste, 70 Sachen, 80, der Kerl tritt immer noch aufs Gas. Die Karre kracht in Sandkuhlen, fliegt über kleine Hügel und schlägt klappernd und knarzend wieder auf. Ich gucke immer wieder verstohlen nach hinten ob mein Rad noch auf der Ladefläche liegt, oder ob es sich mittlerweile schon mit einem beherzten Sprung in Sicherheit gebracht hat. Die Piste hier ist immer noch übelst, das wäre noch mal richtig asozial geworden. Ich könnte den Alten küssen. Aber das geht nicht, ich muss mich mit aller Kraft an den Griff klammern um nicht die ganze Zeit in der Kabine hin und her geworfen zu werden.
Irgendwann kommt die Straße in Sicht. Gott sei Dank! Wir steigen aus, ich drücke dem Alten die Hand, sage eintausend Mal Danke, Danke, Danke! Er winkt ab und grinst sich einen, denkt sich wahrscheinlich: „Diese behämmerten Touristen…“ Springt in seinen Pickup und braust auf der Straße davon.

Ich bin völlig fertig, heilfroh, endlich wieder Asphalt unter den Reifen zu haben. Ein paar Kilometer weiter peppeln mich ein paar Arbeiter mit zwei Gläsen Chai wieder ein bisschen auf. Wie war das: Ich brauche den Zucker? Aber sowas von! Die letzten 20 Kilometer nach Aqaba geht es Gott sei Dank bergab, ich kann rollen lassen, zu mehr bin ich auch nicht mehr in der Lage. Abends liege ich in einem billigen Hotel im Bett und muss immer wieder lachen. Die Bilanz dieses Trips: 25 Kilometer geschoben, davon mindestens 10 durch richtig tiefen Sand. Mit einem 60 kg schweren Rad. Was für eine bescheuerte Aktion. Aber eine gute Erfahrung, die ich besser hier mache, als irgendwo, wo die Wüste deutlich größer, Hilfe noch viel weiter weg ist. Und jetzt auf nach Ägypten. Afrika ich komme!

14 Kommentare zu “Middle East, Teil 2

  1. Lieber Dominik, als ich gestern bei einer Radrundfahrt bei Valkenburg mein Rad bei 11 Grad keuchend und schwitzend den mit 22 % Steigung steilsten Anstieg in den Niederlanden hochschieben musste, habe ich an Dich gedacht. Du müsstest Dein Rad bei hohen Temperaturen durch tiefen Wüstensand schieben, ohne zu wissen, wie lange die Qual noch dauert! Wie gut, dass irgendwann dann doch noch jemand kam und Dich befreite! Solche Situationen brauchst Du in Zukunft nicht mehr, obwohl Du abends wieder lachen konntest und auch Dein Rad die Prozedur überstanden hat! Ich wünsche Dir in Ägypten schöne Begegnungen.

    • Hallo Uwe!
      22 Prozent??? Da würde ich auch mit Schieben nicht mehr weiter kommen! 😀
      Und bzgl. der Begegnungen in Ägypten: Die Leute sind weiterhin sehr, sehr offen und nett!
      Der Rest geht mir allerdings eher auf den Sack gerade…
      Viele Grüße
      Dominik

  2. Glück Auf!
    Der Gruß kommt natürlich aus dem Ruhrpott. Und er ist in seiner ursprünglichen Bedeutung gemeint: Es mögen sich immer neue (Erz-)Gänge auftun und schließlich in einer gesunden, glücklichen „Ausfahrt“ enden.

    • Grüße zurück in den Ruhrpott! 🙂
      Ich habe mittlerweile ein recht tief sitzendes Vertrauen in diese sich auftuhenden Wege entwickelt! 🙂
      Beste Grüße
      Dominik

    • Hallo Regine!
      Ja, mir hat die Erfahrung definitiv gereicht. Ob mir weitere Erfahrungen dieser Art allerdings in Zukunft erspart bleiben, steht auf einem anderen Blatt 😉 Nur aus Jux und Dollerei werde ich solche Experimente aber sicher nicht mehr machen!
      Liebe Grüße
      Dominik

  3. Hi Dominik, war gerade mit Dir in der Wüste…Hammer! ! Ich wäre verrückt geworden! ! Aber ist ja nochmal gut gegangen, in Dir steckt ganz offensichtlich ein echter Fighter. Weiter so und gute Pisten!

    • Hi Björn,
      „ein echter Fighter“ …na nun übertreib mal nicht! 😀
      Was hättest du denn in der Situation gemacht, dich in den Sand gesetzt, geschmollt und ne Beschwerde-Mail an den Beduinen-Guide geschrieben? 😀 Und verrückt geworden bin ich auch, das kannste mir glauben! 😉
      Beste Grüße an die Mannschaft!
      Dominik

  4. Domi,
    ich freue mich immer riesig deinen unglaublichen Erzähungen zu folgen und mitzureisen!

    Aufregend,atemberaubend,lustig und manchmal zum..Kopfschütteln.
    Geniale Bilder!

    Vorallem weiß man nach jedem Post,dass es dir gut geht (soweit).

    Ich wünsche dir weiterhin.noch ganz viel Kraft,tolle Erfahrungen und Begegnungen und Spaß!

    Auf geht’s nach Afrika!

    • Hallo Anne!
      Freut mich, dass ihr zu Hause auch Spaß an meiner Unternehmung habt 😉
      Bestell mal ganz liebe Grüße an alle!!
      Dominik

  5. Lieber Dominik,
    da hast Du ja einen ordentlichen Härtetest bestanden, Respekt!
    Obwohl man beim Lesen mit Dir leidet, kann man sich das Lachen nicht verkneifen, einfach wieder toll geschrieben. Beeindruckend sind auch die Beschreibungen Deiner zwischenmenschlichen Erfahrungen. Mögen Dir immer wieder die gut gesonnenen Menschen begegnen.
    Nach dieser Plackerei wünsche ich Dir mit dem Text der 1. Stropfe des Irischen Segensgrußes, den mein Chor immer wieder mit Freude singt, eine glückvolle Weiterreise:
    Mögen sich die Wege vor deinen Füßen ebnen,
    mögest du den Wind im Rücken haben.
    Und bis wir uns wiedersehn
    möge Gott seine schützende Hand über dir halten.
    Liebe Grüße
    Petra
    PS: Du hast die Stadt mit meinem Namen schon gesehen, ich habe es noch vor.

    • Hallo Petra,
      danke für die guten Wünsche! 🙂 Ich glaube es dauert einfach eine Weile, bis solch ein Segensgruß seine volle Wirkung entfaltet, die letzte Woche wurde ich nämlich geplagt von Gegenwind, aber das wird nun hoffentlich auch erstmal ein Ende haben.
      Liebe Grüße nach Bottrop!!
      Dominik

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