Der Balkan, Teil 4

Der Balkan, Teil 4

Der Balkan Teil 4: Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft

Auf dem Weg Richtung Griechenland erlebe ich in Albanien eine tolle Begegnung nach der anderen. So zwiegespalten das Land auch ist, die Menschen hier sind einmalig warmherzig.

01.09.2015, Shkodra – Tirana, 115 Kilometer
02.09.2015, Tirana – Pishkash Verri, 104 Kilometer

Ich helfe dir, du hilfst mir

In Shkodra quartiere ich mich in einem Hostel ein um einen Tag Pause zu machen. Das Hostel kostet 6,50 Euro. Nach der ersten Nacht erfahre ich, dass ich für 3 Euro mein Zelt auch im Hinterhof aufstellen kann. Das lass ich mir nicht zweimal sagen. Das ist allemal besser als zu versuchen mit 5 anderen Typen in einem stickigen Mehrbettzimmer sowas Ähnlichem wie Nachtruhe nachzugehen.

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Ich will ein bisschen meine Vorräte auffüllen und gehe auf den Markt in Shkodra, nur zwei Straßen weiter. Der Markt setzt sich aus vielen kleinen Shops im Erdgeschoss der an einer langen Hauptstraße liegenden Häuser, sowie weiteren auf dem Bürgersteig aufgestellten Ständen zusammen. Hier kriegst du alles. Von Lebensmitteln über Klamotten, Haushaltswaren, frischen Tabak Kiloweise, Werkzeug, Trödelkram bis hin zur Kloschüssel. Ein paar kleine Imbissbuden gibt’s auch, will doch mal sehen was die einem hier für Köstlichkeiten kredenzen. Etwas ratlos stehe ich vor der Tafel mit dem Angebot an verschiedenen Snacks, keine Ahnung was das heißt was da geschrieben steht. Der Mann hinter der Theke versucht mir zu erklären was er da bruzzelt, aber so richtig fluppt das nicht. Sofort bemerkt ein Junge der gegenüber in einem der kleinen Shops arbeitet, dass hier Dolmetscher-Fähigkeiten gefragt sind, kommt herüber geeilt und erklärt mir in einwandfreiem Englisch was es hier alles zu essen gibt. Ok, ich bedanke mich für die Hilfe und bestelle ein Sandwich mit Cevapi und Schafskäse. Das kostet mich umgerechnet 70 Cent. Der nette Junge lernt seit 4 Jahren erst Englisch, Respekt. In den Ferien arbeitet er im Shop seiner Eltern und verkauft Stoffe. Er sagt er wolle eventuell in Deutschland oder England studieren und er will wissen wie viel das Studium in Deutschland kostet und wo er in Deutschland am besten studieren könne. Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht genau, wie genau der Zugang zu deutschen Hochschulen für nicht EU-Bürger funktioniert, aber während ich mein Sandwich kaue kann ich ihm in jedem Fall schon mal sagen, dass er einen anerkannten Schulabschluss braucht um in Deutschland studieren zu können. Ich biete ihm an, ihm bei der Informationsbeschaffung zu helfen und schreibe ihm meine Blog-Adresse auf damit wir in Kontakt bleiben können. Als er fragt wie ich Albanien finde, verweise ich natürlich auf die wirklich tolle Hilfsbereitschaft der Leute hier. Auch schon einen Tag vorher hatten ein paar Jungs mir geholfen das Hostel zu finden. Er übersetzt immer zwischendurch für den Imbissbudenbesitzer, und der erwidert: „Aber du hilfst ja auch uns, du kommst zum Beispiel hier hin und isst etwas bei mir.“

Auf dem Markt kaufe ich Obst und Gemüse, Käse, Brot. Wenn ich mit den Fingern anzeige, dass ich drei Äpfel haben möchte – auf dem Fahrrad kann ich schließlich nicht so viel transportieren – fangen die Verkäufer an mir drei Kilo einzupacken und gucken verwundert bis verärgert wenn ich dann hektisch abwinke und mir nur drei Äpfel rauspicke. Da bin ich mir dann schon nicht mehr ganz so sicher ob ich hier wirklich eine große Hilfe bin.
Ein Stück weiter werden Fische verkauft, teilweise liegen sie in großen mit Wasser gefüllten Bottichen, teilweise einfach auf dem Bürgersteig. Wird ein Fisch verkauft und ausgenommen werden die Eingeweide einfach auf die Straße geschmissen und später zusammengekehrt.

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Alles auf Tirana

Am nächsten Tag fahre ich gut erholt weiter. Wahnsinn wie viel ein einziger Tag schon an Regeneration bringt. Die Beine bewegen sich ohne Ziehen und Zwicken und der Hintern schmerzt nicht mehr. Und außerdem: Keine Berge!! Die Etappe nach Tirana ist fast komplett flach und ich genieße es, endlich mal wieder zügig voranzukommen und nicht mit Schrittgeschwindigkeit irgendeinen Anstieg hoch zu kriechen. Je näher ich der Hauptstadt komme desto dichter wird der Verkehr, in Tirana selbst führt eine dreispurige Hauptstraße Richtung Innenstadt. Hier geht es reichlich chaotisch zu. Alle fahren kreuz und quer, geht es auf der rechten Spur nicht weiter, weil dort gerade jemand parkt um sich am Kiosk eine Zeitung zu holen, versuchen alle, möglichst ohne anzuhalten, sich auf die verbleibenden zwei Spuren zu quetschen, Rollerfahrer weichen auf die Gegenspur aus und scheren bei sich näherndem Gegenverkehr blitzschnell wieder in eine kleine Lücke ein. Für sowas bin ich ja gemacht. Man braucht etwas Vertrauen in die anderen Verkehrsteilnehmer um sich auf diesen Tanz einzulassen, aber hier können die das. Es wird viel gedrängelt, geschoben, dicht aufgefahren, aber im letzten Moment bremsen sie alle. Und wenn nicht, dann weisen sie dich vorher durch hupen darauf hin, und du musst dann halt weg da. Das funktioniert. In Deutschland wäre ich längst platt, die Deutschen können nicht Autofahren. Hier bin ich in null komma nix in der Innenstadt. Tirana ist eine moderne Großstadt, mit schönen und hässlichen Ecken, mit Parks, Fußgängerzonen und Cafés, Einkaufsstraßen, einer Universität.

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Abends darf ich – mal wieder – in einem Fitness-Studio duschen. Allerdings erst um 22:30, vorher sei noch zu viel los. Ich überbrücke die Zeit, mache mir etwas zu essen und sitze in der Nähe der Universität auf einer Bank auf der Brücke über den Lake Tirana, da spricht mich ein junges Pärchen an, die auch dort gerade ihr Abendessen zu sich nehmen. Ob ich mich nicht zu ihnen setzen wolle. Die beiden kommen aus Tirana, unternehmen auch ab und zu kürzere Radreisen und interessieren sich natürlich für meine Tour. Sie erklären mir, es sei ein sehr großes Problem, dass die Bemühungen der Regierung eine funktionierende Infrastruktur aufzubauen bzw. zu erhalten, Jobs zu schaffen und den Menschen eine Perspektive zu geben, sich einzig und allein auf Tirana beschränken. Die ländlichen Regionen werden komplett vernachlässigt. Und das sieht man auch. Auf meinem Weg sehe ich immer wieder Bauern, die eine einzige Kuh – scheinbar besitzen sie nur diese eine – am Straßenrand entlang treiben und sie dort zwischen dem Müll grasen lassen. Sie haben offensichtlich kein eigenes Weideland. Wie viel Liter Milch gibt eine Kuh pro Tag, die nur spärlich ernährt ist? 10 Liter? Und für wie viel verkauft der Bauer diese 10 Liter? Wie können diese Menschen davon leben…

Der Doktor und sein Raki

Mit Verallgemeinerungen bin ich vorsichtig, aber eines kann man ganz zweifelsfrei sagen: Die Albaner lieben ihre Autos. Es gibt alle 2000 Meter eine Tankstelle und alle 1000 Meter ein „Lavash“, eine Autowaschstation, die in der Regel aus einem mit Planen abgetrennten Bereich, einem Hochdruckreiniger und einem Plastikstuhl, auf dem der ambitionierte Unternehmer auf Kundschaft wartend vor sich hin döst, besteht. Hier wird auch der 30 Jahre alte, völlig verrostete Mercedes noch liebevoll eine halbe Stunde lang geschrubbt und poliert.

Auf dem Weg von Tirana nach Elbasan muss ich die Hauptverkehrsanbindung, eine Autobahn mit langem Tunnel, über eine kleine Landstraße die sich endlos durch die Berge windet, umgehen. Länger als zwei Tage flaches Land sind mir scheinbar nicht gegönnt. Trotzdem, die Landschaft hier ist wirklich wunderschön.

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Ich brauche ewig für die Anstiege und fahre am frühen Nachmittag nach Elbasan hinein wieder aus dem Gebirge heraus. Ich bin fürchterlich müde, und entsprechend unkonzentriert. So passiert es, dass ich in einem Kreisverkehr eine in den Asphalt gefräste Rinne zu spät bemerke und mit den Reifen dort hineingerate. Jeder der schon einmal versucht hat mit dem Fahrrad in Straßenbahnschienen zu fahren weiß wie gut das funktioniert. Das Rad schlingert, kippt, und Zack, lieg ich mit der ganzen Fuhre im Dreck. Gut, dass das nicht 2 Minuten vorher passiert ist, da hatte ich nämlich bergab noch 50 Sachen drauf. Von der – Überraschung – nur 100 Meter entfernten Tankstelle höre ich direkt aufgeregte Rufe und zwei Jungs kommen herüber gelaufen. Der eine hebt mein Fahrrad auf, der andere hilft mir beim Aufstehen und will mich stützen und zur Tankstelle führen. Nana, kommt Jungs, so schlimm war es nun nicht, mein Knie und die Hand bluten ein bisschen, nix Wildes. Keine Chance, mein Fahrrad wird bereits zur Tankstelle geschoben, ich gehe mit, direkt scharen sich fünf weitere Jungs um uns herum und mir wird bedeutet ich müsse mich unbedingt erstmal setzen und von dem Schock erholen. Ok ok, ich sitze ja schon, danke. Einer der Jungs hat schon sein Telefon hervorgeholt und telefoniert aufgeregt. Was denn jetzt, der wird doch wohl hoffentlich keinen Krankenwagen oder sowas rufen?! Keine Minute später braust ein alter Toyota auf die Tankstelle und ein korpulenter Mitt-Dreißiger steigt aus, einen Verbandskasten in der Hand. Aha, ok, die Sanitäter kommen. Der Typ eilt zu uns herüber, er grinst über beide Ohren, zwischen den blitzenden Zähnen klemmt exakt mittig eine Kippe. Diesen Gesichtsausdruck wird er die gesamte Zeit nicht verändern. Der Verbandskasten wird geöffnet, der Typ holt zwei Kunststoffhandschuhe hervor und streift sie sich über. Die Handschuhe sehen eher so aus wie solche, die man zum Einmassieren einer Tönung in die Haare verwendet. Der Typ zeigt auf sich und sagt breit grinsend immer wieder „Doctor, Doctor!“. Hmm, is klar. Na gut, es geht hier nicht um mein Leben, also lasse ich ihn gewähren. Er grinst noch etwas breiter als vorher, er scheint seine eigene Show sichtlich zu genießen. Dass dabei die Kippe immer wieder auf seine höchst sterilen Handschuhe und in die Nähe meiner Wunde ascht, stört ihn dabei nicht im Geringsten. Die Wunde wird fachgerecht mit Raki desinfiziert und ein Verband angelegt. Das geht nicht, ohne dass dabei mindest drei weitere helfende Hände den Verband fixieren, ein Pflaster aufkleben, überstehendes Mull abschneiden. Geschafft, der Schwerverletzte ist verarztet, sein klägliches Dahinscheiden im Dreck der Hauptstraße nach Elbasan in letzter Sekunde abgewendet.

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Ich bin absolut gerührt, die Jungs haben sich ernsthaft alle Sorgen um mich gemacht. Ich sitze noch etwas bei Ihnen, wir connecten uns per Facebook und ich lasse sie auf meinem Fahrrad, das sie absolut cool finden, eine Runde drehen. Irgendwann muss ich aber weiter. Ich habe noch einiges an Strecke vor mir.

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Spät abends, es ist mal wieder bereits dunkel, halte ich an einem Rastplatz an der Hauptstraße etwa 50 Kilometer hinter Elbasan. Dort gibt es eine klägliche Kneipe und einen kleinen Shop, die Leute dort sind wie bisher immer in Albanien unfassbar herzlich und hilfsbereit, ich kann mein Zelt dort aufstellen. Etwas später wird mir noch angeboten, ich müsse auf keinen Fall draußen schlafen, einer der Gäste der Kneipe hätte noch Platz auf einer Couch bei sich. Da steht mein Zelt aber bereits und ich habe keine Lust es wieder abzubauen.

Diese Herzlichkeit der Menschen hier ist wirklich unglaublich und ich fühle mich hier ganz wundervoll aufgenommen. Trotzdem geht’s mir in dieser Nacht nicht gut, ich vermisse meine Freundin. Die letzten Tage hat es wegen schlechter Internetverbindung nie geklappt zu skypen und die spärliche Kommunikation via Whatsapp kann das auch nicht ersetzen. Ich fühle mich unendlich einsam in dieser Nacht.

6 Gedanken zu “Der Balkan, Teil 4”

  1. Morgen Domi,
    ein bisschen neidisch bin ich schon. Super Berichte! Man hat echt das Gefühl mit zu fahren..

    Bringst du mir ne Kloschüssel mit??

  2. Hey Domi,

    unglaublich, was du alles erlebst! Und deine lebhafte Art zu schreiben gibt einem das Gefühl, auf dem Gepäckträger mitfahren und dabei sein zu können — sorry für den zusätzlichen Ballast.

    Ich wünsche dir viele weitere freundliche und inspirierende Begegnungen auf deiner Reise, aber bitte zukünftig ohne Tankstellen-Notaufnahme (gegen den Raki per se ist ja nichts einzuwenden ).

    Liebe Grüße
    Nikolai

  3. Lieber Dominik,
    Zwei Einträge kurz nacheinander, die wieder Lesefreude bereiteten! Spannend muss es ja sein, sich per Ohne-Wörterbuch als Ergänzung zu Gesten zu verständigen. Und es ist schön zu lesen, dass Du das, was die Tandemreisenden aus Dubrovnik schon beschrieben, bestätigt hast: die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen in Albanien! Viel Spaß auf der Tour durch Griechenland.
    Uwe Petersen

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