Über die Alpen!

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16.08.15, Marktl am Inn – Bad Ischl (AT), 118 Kilometer
17.08.15, Bad Ischl – Mitterberg, 59 Kilometer
18.08.15, Mitterberg – Sölkpass – Mühlen i.d. Steiermark, 89 Kilometer
19.08.15, Mühlen – Slovenj Gradec (SLO), 105 Kilometer
20.08.15, Slovenj Gradec – Zagreb (HR), 149 Kilometer

Ein Sprichwort sagt: „Perfektion ist nicht dann erreicht wenn man nichts mehr hinzufügen, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann.“ Dass ich diesen Punkt noch lange nicht erreicht habe, darf ich bei jeder kleinen Steigung nur allzu deutlich erfahren…

Von Marktl am Inn, wo ich vor der Alpen-Überquerung ein bisschen regeneriere, fahre ich bei Braunau am Inn über die österreichische Grenze. Langsam aber sicher wird es bergiger und ich kämpfe mich teilweise mit Schrittgeschwindigkeit die Steigungen hinauf. Netterweise darf ich mich danach auf einer langen Abfahrt ein bisschen erholen, was aber nur bedeutet, dass das ganze Spiel 5 Minuten später wieder von vorne anfängt. Wieder hoch und wieder runter. Und wieder hoch. Und….ihr wisst wie es weiter geht. Ich fahre vorbei am Irrsee, am Mondsee und am Wolfgangsee. Total schön hier bestimmt, wenn es nicht dunkel und grau wäre und nicht die ganze Zeit regnen würde. Am Wolfgangsee treffe ich zwei Franzosen, die ihre Räder schieben, einer von Ihnen hat einen Platten. Ich frage ob ich helfen kann, schließlich habe ich alles dabei was man so für kleinere Reparaturen braucht. Wir nehmen den Schlauch raus, aber das Ventil ist halb ausgerissen, da kann ich dann leider auch nix mehr machen. Unverrichteter Dinge packe ich mein Werkzeug wieder ein und ziehe weiter.

Überall wo ich hinkomme fragen mich die Leute interessiert nach meinem vielen Gepäck und meinem Reiseziel. In Mitterberg betrachten ein Vater und seine Tochter meine „Behausung“ und fragen sich wie ein so langer Kerl in solch ein kleines Zelt reinpasst. Wir kommen ins Gespräch und die Mutter der Familie lädt mich später auf einen Tee ein.

Am nächsten Tag steht die Passüberquerung an. Ausnahmsweise regnet es morgens mal nicht. Die Pass-Straße zum Sölkpass war genau die richtige Wahl. Die Steigung ist größtenteils moderat und es herrscht kaum Verkehr. Trotzdem merke ich hier jedes einzelne Kilo meines Gepäcks. Kurz vor dem Pass auf 1790 Metern wird es dann doch noch mal richtig steil und ich muss alle 15 Minuten mal kurz anhalten um meinen Puls ein bisschen runter zu bringen. Aber ich stelle ein weiteres Mal fest: Egal wie anstrengend das Radfahren mit viel Gepäck in den Alpen auch sein mag – die Natur, der Ausblick, und das Gefühl nach einem langen Anstieg zurück ins Tal zu schauen, all das entschädigt doppelt und dreifach für die Mühen. Es macht einfach tierisch Bock in den Alpen zu fahren.
Kaum bin ich über den Pass fängt es zur Abwechslung mal wieder an zu regnen. Mittlerweile nervts. Das Zelt ist eh schon klitschnass, ich freue mich schon auf die Nacht. Nicht. Es regnet auch wirklich den Rest des Tages durch, irgendwann bin ich so durchgefroren, dass ich auf jeden Fall auf einen Campingplatz will, ich brauche ne heiße Dusche. An einer Tanke erkundige ich mich nach dem nächsten Zeltplatz. Es gibt einen, allerdings sind es noch 10 Kilometer bis dahin. Mit dem Pass und bereits 80 Kilometern in den Beinen bin ich schon reichlich platt, deswegen frage ich ob es dahin noch viel bergauf geht. „Ja Junge, kann man so sagen, wir sind hier halt in den Bergen, ne?“ lautet die Antwort. „Ach, was du nicht sagst.“ denke ich mir und bedanke mich für die freundliche Auskunft.

Am nächsten Tag steht schon der Grenzübertritt nach Slowenien an. Das Wetter beschert mir heute mal…Regen. Zwischendurch auch mal Nieselregen. Und dann auch mal Wolkenbrüche. Es gibt ja Völker, die haben z.B. für die unterschiedlichen Brauntöne von Rinderfell ungefähr 50 verschiedene Wörter. Ich versuche mir für die unterschiedlichen Regenarten 50 verschiedene Wörter auszudenken, meistens sind es nicht besonders nette Wörter. Abends darf ich bei einem Hostel in Slovenj Gradec duschen, das Mädel an der Rezeption bietet mir außerdem an, mein Zelt im Hinterhof aufzubauen zu dürfen. Es regnet in Strömen, das kann ich getrost vergessen. Ich schlafe an dem Abend draußen auf der Terrasse des Hostels unter einem Vordach. Hier ist es wenigstens trocken und passieren kann mir hier auch nix, denn ich werde bewacht von einer zutraulichen Katze.

Am nächsten Morgen bin ich reichlich schlecht gelaunt, ich fahre um viertel vor sieben los, zwei Stunden durch – ratet mal – Regen. Als ich an einer kleinen Hütte mit Bänken unter einem Holzdach vorbeikomme, mache ich dort Frühstückspause. Was son Kaffee alles bewirken kann. Da sieht die Welt schon wieder ein bisschen anders aus. Gerade als ich fertig bin und meine Sachen zusammenpacke fährt ein Auto vor, und ein junger Typ steigt aus. Er kommt zur Hütte, schließt auf und bringt ein paar Sachen aus der Hütte zum Auto. Ich grüße erst nur knapp, meine Laune ist immer noch etwas…sagen wir mal labil. Der Typ kramt weiter irgendwas rum, scheinbar hatten die gestern hier ne Feier und der räumt jetzt da auf. Ich entschließe mich schweren Herzens mal ein bisschen über meinen Schatten zu springen und spreche ihn an: „Ich hab hier mal kurz Pause gemacht, hoffe das war okay…“. Das Interesse ist geweckt und ich beantworte die mittlerweile bekannten Fragen nach Herkunft, Ziel usw. Der Typ heißt Tilen, und während wir uns über sein Studium unterhalten kommt auch die Mutter dazu und hilft beim Aufräumen. Es ist noch Kuchen übrig von der Feier vom Vortag, der mir natürlich prompt angeboten wird. Ich hab doch gerade erst gefrühstückt, sehe ich etwa immer noch hungrig aus? Na was soll’s, zwei Stück Kuchen gehen immer. Noch n paar Birnen? Ja ok, warum nicht. Das geht so weiter, wir sitzen eine Stunde an der Hütte und quatschen, und am Ende fahre ich mit einer riesen Dose selbstgebackener Kekse, einer selbstgemachten luftgetrockneten Wurst und einer Dose slowenischem Bier im Gepäck weiter. Läuft.

Die nächsten Kilometer fliege ich über die Schlagloch-gespickten Straßen. Auch wenn ich mich natürlich riesig über die leckere Verpflegung freue, so sind es doch noch vielmehr die Gesten, die Offenheit und Großzügigkeit, die ich nun schon öfters erleben durfte, die meine schlechte Laune vom Morgen auf einen Schlag wegfegen. Ob man bei uns in Deutschland auch so offenherzig auf Allein-Reisende zugehen würde? Mich würde mal interessieren, welche Beobachtungen und Erfahrungen Reisende in Deutschland diesbezüglich machen. So oder so können wir uns bei solchen Menschen einiges abgucken.

Auf dem Weg Richtung kroatischer Grenze fahre ich durch wunderschöne Weinberge, kleine Dörfer mit Bauernhöfen und frei herumlaufenden Hühnern, Enten und Ziegen. Hier wird gerade Holz gehackt, dort ein frisch geschlachtetes und an den Hinterbeinen aufgehängtes Ferkel gesäubert. An der Grenze zu Kroatien stoppen mich die Beamten, wollen meinen Pass sehen, bestaunen mein Fahrrad und schütteln den Kopf über meine Pläne. Der Rückenwind schiebt mich die letzten 20 Kilometer nach Zagreb, endlich komme ich mal zügig voran, das letzte Stück strampele ich mich regelrecht in einen Rausch.
Heute hab ich mir ein Hostel verdient, durch die fünf Tage Regen ist alles dreckig und nass, ich muss dringend meine Klamotten waschen und mache hier einen Tag Pause.

12 Gedanken zu “Über die Alpen!”

  1. Hey Dominik!

    Der Bericht liest sich super! Das klingt alles so spannend und abenteuerlich. Ich werde richtig neidisch!
    Ich verfolge weiterhin deinen Blog. Ich wünsche dir weiter traumhafte Aussichten, nette und offene Menschen und gutes Wetter!

    Viele Grüße

  2. Domi du alter Rumtreiber, wo treibst du dich rum??? Alles Liebe, alles Gute und nur das Beste zu deinem Geburtstag!!!! Weiterhin viel Erfolg beim Cruisen und viele Grüße, Sabrina und Frank

  3. Hej Dominik, ganz herzliche Glückwünsche zu Deinem Geburtstag. Heute denken wahrscheinlich noch mehr Menschen an Dich als an Deinen bisherigen Geburtstagen . Du kommst ja flott voran und ich bin gespannt auf die nächsten Neuigkeiten. Ich wünsche Dir weiterhin viel Spaß, optimales Wetter und interessante Begegnungen.
    Liebe Grüße
    Petra

  4. Lieber Dominik,
    alles Gute zum Geburtstag! Wie wird der Tag aussehen? Ruhetag oder Kilometer Richtung Süden?
    Spannende Berichte, lese fleißig und gerne mit!
    Viele Grüße aus Köln!

  5. Weiter so Dominik! Mag deinen Reisebericht, warte auf die Fortsetzung. Wünsche bestes Fahrradwetter, erhol dich ein bisschen in Zagreb, die Stadt ist schön und wert besichtigtet zu werden.

  6. Lieber Dominik,
    wir warten hier alle gespannt auf den nächsten Reisebericht von Dir.
    Mit den besten Wünschen für die nächsten Etappen.
    Immer weiter so!

  7. Oh Gott, so ein Dauerregen kann einem schon mal die Laune in den Keller treiben.
    Ich hoffe auch, dass es die nächste Zeit besser läuft mit dem Wetter!

    Ja, Radeln in den Alpen ist schon was anderes. Im einen Moment fragst du dich noch, wieso du dir das antust, im nächsten bist du oben und fühlst dich wie Gott, und bei der Abfahrt bist du eh unbesiegbar… bis zum nächsten Anstieg, da fragst du dich wieder WARUM???
    Böse Zungen würden jetzt behaupten, Radfahren in den Bergen ist ähnlich wie die Hormone einiger Frauen 😉

    Dann mal viel Spaß noch!

  8. „Na was soll’s, zwei Stück Kuchen gehen immer.“

    Da erkennt man die gute Bergisch Gladbacher Erziehung. „Satt“ ist keine Ausrede!

    Die Frustration über den Regen kann man richtig herauslesen aus deinen Bericht. Tagsüber ja schon ätzend genug, aber wenn dann nachts auch noch alles nass ist… uaaah. Ich hoffe, das Wetter ist dir fortan besser gesonnen!

    Sehr cool, dass du überall auf nette Menschen triffst. Man trifft halt nicht jeden Tag nen Wahnsinnigen, der mitm Rad nach Afrika gurkt.

    Gute Fahrt weiterhin!

  9. Lieber Dominik,
    ich bin beeindruckt und freue mich jedesmal auf die Fortsetzung deines hochinteressanten Berichts!
    Anne Kersting

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