Griechenland, Teil 3

Griechenland, Teil 3

Griechenland, Teil 3

Nach den paar Tagen in Deutschland habe ich nun Zeit, mir Griechenland noch etwas anzuschauen und die nächste Etappe zu planen…

22.09.2015, Rückflug nach Athen
23.09.2015, Athen – Loumpa, 66 Kilometer
24.09.2015, Loumpa – Pisia, 41 Kilometer
25.09.2015, Pisia – Sifiko, 62 Kilometer
26.09.2015, Sifiko – Nafplio, 59 Kilometer
27.09.2015, Nafplio, Ruhetag

Oliven und nochmal Oliven

In Athen angekommen warten mein Fahrrad und mein Gepäck brav im Hostel auf mich, so wie ich es dort zurückgelassen hatte. Mein Rad, draußen im Hof geparkt, sei auch wieder sauber, preist Eva von der Rezeption mit einem Zwinkern an. Kunststück, es regnet halt auch schon den ganzen Tag.
Von Athen aus fahre ich in Richtung der Halbinsel Peloponnes, dort soll es schön sein, habe ich von verschiedensten Leuten gehört, und ich will mich ein bisschen umsehen. Die ersten 30 Kilometer aus Athen raus sind dafür erstmal nicht sonderlich radfreundlich. Ich fahre im dichten Verkehr durch Tunnel, an Industrie- und Hafenanlagen vorbei und versuche so wenig Abgase wie möglich einzuatmen. Zum Glück fahren die Griechen mehr Mercedes als VW, also mache ich mir hier keine allzu großen Sorgen.

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Langsam aber sicher wird es auch wieder ländlicher, die Straße weniger dicht befahren und es tauchen die vertrauten Olivenhaine wieder auf. Ich habe erstmal kein festes Ziel vor Augen, ich habe jetzt Zeit, will erstmal grob Richtung Korinth. Und ich lasse es ruhig angehen. Kein Kilometerfressen mehr vorerst. Zeitig halte ich daher Ausschau nach einem geeigneten Schlafplatz, ich würde gerne noch im Hellen mein Zelt aufbauen und mir was zu Essen kochen. Links und rechts der Landstraße, auf der ich mich mittlerweile befinde, liegen nun nur noch kleine Bauernhöfe mit den dazugehörigen Feldern. Als ich an einer Ansammlung von fünf Häusern vorbeifahre, die sich entlang der Straße um eine winzige Kirche gruppieren, sehe ich auf der anderen Straßenseite, am Tor zum Kirchhof, eine Nonne und zwei ältere Männer stehen und mir zuwinken. Ich ergreife die Gelegenheit beim Schopf, mache kehrt und wechsele auf die andere Straßenseite. Ich erkundige mich, ob die drei eine Idee haben, wo ich mein Zelt hinstellen könnte. Einer der Männer will mich zum nächsten, 12 Kilometer entfernten Campingplatz schicken. Schade, ich hatte ein wenig darauf spekuliert, dass ich angeboten bekomme, bei der Kirche übernachten zu können. Aber darum bitten werde ich nicht, ich will mich nicht aufdrängen oder die Leute in Verlegenheit bringen. Also bedanke ich mich für die Auskunft und fahre weiter.

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Nach wenigen Kilometern biege ich in einen Feldweg ab. Überall nur Olivenhaine, also Privatbesitz, da will ich auch nicht einfach so mein Zelt hinstellen. Hier und da wird auch noch gearbeitet. Oder so ähnlich. Ein Bauer fährt mit seinem Traktor die paar Meter von Baum zu Baum und erntet nur genau diejenigen Oliven, die er im Sitzen erreichen kann. Der Motor läuft dabei die ganze Zeit. Effizient ist anders. Immer weiter holpere ich über den mit zahlreichen dicken Steinen für Radfahrer etwas anspruchsvoll gestalteten Weg, über einen Hügel, über den nächsten, immer tiefer in die Felder hinein, bis ich irgendwann an einer kleinen freien Fläche neben einem verfallenen Häuschen Halt mache. Ich habe hier jetzt bestimmt seit einer viertel Stunde niemanden mehr gesehen, und hier sieht es auch nicht danach aus, als könnte sich irgendjemand an meiner Anwesenheit stören. Während ich mich ein bisschen umsehe höre ich von irgendwo Glöckchen läuten. Ich folge dem Geräusch und entdecke neben dem Weg, auf dem großen, durch einen hohen Zaun abgetrennten Feld zwischen den Olivenbäumen eine Schafherde, die sich langsam nähert. Nun höre ich auch jemanden rufen, es ist der Bauer, der seine Tiere in die eine oder andere Richtung dirigiert. Als er näher kommt und mich erblickt, winke ich und gehe rüber zum Zaun. Englisch ist wie so oft Fehlanzeige und so bedeute ich ihm mit den mittlerweile gut einstudierten Gesten, dass ich gerne da vorne bei dem Häuschen schlafen würde und ob etwas dagegen sprechen würde. Der Bauer schüttelt den Kopf, und zeigt auf sein Feld, winkt mich herüber. Ein Stück weiter ist ein Tor im Zaun, dort schiebe ich mein Fahrrad durch und auf das Feld. Hier bekomme ich nun vom Bauer meinen Schlafplatz zugewiesen. Zum Dank biete ich ihm etwas von meinen Mettwürsten an und er greift beherzt zu. Auch sein Hund bekommt ein Stückchen ab. Seine Tiere hat der Bauer mit minimalem Aufwand hervorragend im Griff. Sobald eines der Schafe zu sehr aus der Herde ausschert nehmen die Rufe, mit denen er sie langsam über das Feld vor sich her treibt, einen erzürnten Tonfall an. Die Tiere scheinen sofort zu merken, was gemeint ist, und reihen sich brav wieder ein. Der Hund ist also eigentlich arbeitslos, aber er interessiert sich ohnehin gerade mehr für mich und die Mettwürste. Nach etwa einer halben Stunde haben die Schafe fertig gegrast und ziehen langsam ab, während auch ich mir mein Abendessen zubereite. Das Gebimmel wird langsam leiser und ist irgendwann ganz verschwunden. Eine so ruhige Nacht wie diese habe ich schon lange nicht mehr verbracht.

Ägypten oder nicht Ägypten?

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Am nächsten Morgen fahre ich lange bergauf, bei herrlichem Wetter. Die Sonne scheint, aber man merkt deutlich, dass sie nicht mehr ganz so viel Kraft hat wie noch vor einigen Wochen. Selbst mittags wird es nun nicht mehr so unerträglich heiß. Die Straße schlängelt sich mit sanfter Steigung stetig weiter nach oben, irgendwann fahre ich über eine Kuppe und wieder abwärts Richtung Meer, und wie auf einen Schlag ändert sich das Landschaftsbild komplett. Die Olivenbäume verschwinden und werden abgelöst durch leuchtend grüne Nadelbäume, die die umliegenden Hänge bedecken. Erst jetzt merke ich so richtig, wie sehr mich doch diese Oliven-Landschaft mit der Zeit gelangweilt hat. Die Abfahrt zur Küste ist eine wahre Freude, ich genieße die Sonne, den Ausblick, die Geschwindigkeit. Unten an der Küste liegt der Ort Alepochori, ein niedriges, weiß getünchtes Mäuerchen trennt dort die Uferstraße vom Kiesstrand. Ich springe erstmal ins Meer um mich abzukühlen und mache dann eine lange Pause in einem Café. Ich brauche Internet, muss die weitere Route planen und Informationen sammeln.

Mein Plan bis zuletzt sah folgendermaßen aus: Ich will von Griechenland mit einer Fähre nach Israel übersetzen, von dort weiter nach Jordanien, um dann über die südliche Sinai-Halbinsel nach Ägypten einzureisen. Von Cairo aus will ich durch die westliche Wüste, dort liegen einige Oasen wie an einer Kette aufgereiht, verbunden durch eine Straße, die bis nach Luxor führt. Am Nil entlang zu fahren ist aufgrund der derzeitigen Sicherheitslage in Ägypten wohl zu riskant, ich stütze mich dabei auf die Informationen von Verwandten in Kairo und des Auswärtigen Amtes. Außerdem reizt mich die Oasen-Route sowieso viel mehr. Leider verschlimmert sich die Situation in Ägypten scheinbar stetig. In der westlichen Wüste sind Schmuggler aktiv, die vor allem Waffen aus Libyen nach Ägypten schaffen und teilweise mit dem IS kooperieren. Bei einer Militäraktion nahe der Oase Bahariya, die eigentlich gegen solche Schmuggler gerichtet war, wurde dabei vor einigen Tagen versehentlich ein Touristen-Konvoi von einem Helikopter aus beschossen, 12 mexikanische Touristen und ihre ägyptischen Guides starben. Die westliche Wüste ist seit diesem tragischen Vorfall gesperrt. Ich muss mir also was anderes einfallen lassen. Auch halten meine Verwandten in Cairo die Einreise über den Sinai für nicht machbar. Die Risiken durch Verkehr, Überfall oder Entführung seien unkalkulierbar. Ich nehme daher Kontakt zu anderen Reisenden auf, die dort kürzlich unterwegs waren. Sie hatten mir eigentlich schon einmal mit ihren Infos die Bedenken genommen, aber ich will es jetzt noch mal etwas genauer wissen. Die Alternative wäre, von Athen nach Cairo zu fliegen und von dort mit dem Zug nach Luxor zu fahren. So könnte ich die unsicheren Gebiete umgehen. Bevor ich allerdings diesen Schritt gehe, will ich noch etwas abwarten. Die Fähre nach Israel kann ich ohnehin frühestens am 03. Oktober nehmen, bis dahin will ich noch weitere Informationen beschaffen und dann entscheiden.

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Lazy days

Nach der Pause am Meer geht es wieder bergauf. Mein Energiebedarf bei solchen Steigungen ist scheinbar wirklich immens, nach einer Stunde habe ich schon wieder Hunger, weitere 30 Minuten später fühle ich mich richtig unterzuckert und schiebe zwei Äpfel und ein paar Erdnüsse nach. Damit schaffe ich es dann bis auf eine Anhöhe, von hier aus scheint es wieder weit nach unten zu gehen, das letzte Dorf liegt locker 15 Kilometer zurück. Ich halte erstmal an, um zu Verschnaufen, dabei entdecke ich unweit von der Haltebucht, in der ich gerade stehe, einen kleinen Feldweg links von der Straße abgehen. Schotter auf roter Erde, drum herum die knallgrünen Nadelbäume, an denen ich mich schon den ganzen Tag erfreue. Sieht einladend aus. Ich fahre ein Stück den Feldweg rein und komme auf ein kleines Plateau, vollkommen abgelegen. Das ist der perfekte Spot zum Wildzelten. Es ist zwar erst vier Uhr Nachmittags und ich bin bisher bloß gut 40 Kilometer gefahren, aber was soll’s. Hier gefällt’s mir, hier bleibe ich. Wasser, Brot und Schinken zum Abendessen habe ich noch, und Dank meines ausgeklügelten „Socken-Kühlschranks“ habe ich auch noch trotz des warmen Wetters frischen Yoghurt für das Müsli zum Frühstück. Der Socken-Kühlschrank? Der geht so: Man nehme eine weiße Tennissocke, mache sie nass, und stülpe sie über das zu kühlende Objekt: Trinkflasche, Milchtüte, oder eben Yoghurt-Behälter. Durch den Fahrtwind verdunstet das Wasser und, tadaa, hat man immer kühle Drinks und frische Milchprodukte am Start.

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Im Licht der aufgehenden Sonne baue ich am nächsten Tag das Zelt ab, ich will heute mal was früher los, habe Lust, mal wieder ein paar mehr Kilometer zu machen. Aber daraus wird nichts. Im ersten Ort, in den ich nach einer erneuten langen Abfahrt komme, muss ich auf jeden Fall mal kurz einen Kaffee trinken und meine Mails checken. Wirklich nur ganz kurz. Zweieinhalb Stunden später schiebe ich das Rad dann mal langsam zum nächsten Supermarkt, kaufe ein paar Vorräte ein und mache mich dann endlich wieder auf. Wie die Zeit vergeht. Naja, ich hab ja keinen Stress. Über das winzige Dörfchen Sifiko fahre ich nach Nafplio, das dem Mythos nach von Nauplios, dem Sohn des Poseidon gegründet wurde. Über der gemütlichen Altstadt trohnt auf einer Anhöhe eine imposant an den Felsen klebende alte Festung. Ein Stückchen weiter quartiere ich mich auf einem Campingplatz ein um am nächsten Tag meinem bisher treu ergebenen Drahtesel ein bisschen Fürsorge zukommen zu lassen. Der Antrieb wird gesäubert, die Ritzel schön mit der Zahnbürste geputzt, und es gibt nach über 3000 Kilometern mal eine neue Kette. Mal sehen was meine Mails sagen, gibt es schon neue Infos? Ich bin gespannt wie es weitergeht…

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2 Gedanken zu “Griechenland, Teil 3”

  1. Die Bilder sind wirklich extrem schön und man kann sich leibhaftig vorstellen, wie es sein muss dort in der Natur zu Zelten. Auch scheinst du mit den Einheimischen ja immer schneller warm zu werden.

    Vielen Dank für das Teilen der vielen Eindrücke! Und vor allen Dingen: Gute Weiterreise!

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